Das Dorf

Bereits als Kind wurde mir über ein Dorf erzählt, das sich weit oben in den Bergen befinden sollte. Und jedes Mal wenn, jemand von den Bergen nicht mehr zurückkam, hieß es, er sei von dem Dorf gefressen worden und in eine andere Welt übergetreten.

Ich weiß noch, wie ich hinaus zu dem Bach ging, der nicht weit von meinem Elternhaus entfernt floss, durch die Wiesen spazierte, die im Frühjahr noch halb mit Schnee bedeckt waren, und sehnsüchtig zu den Bergen hinüberblickte, mit der Hoffnung, dass das Dorf da oben auf mich aufmerksam werden würde, um mich endlich auch zu fressen. Aber es tat sich nichts. Oft fragte ich meine Mutter, wenn ich alleine mit ihr in der Küche stand und sie das Geschirr abwusch, wie man denn in das Dorf gelangen könnte. Ich riss sie dann immer an der Schürze, bis sie bereit war, mir Auskunft zu geben. „Dorthin kommen nur Kinder mit lockigen, langen blonden Haaren, die besonders kräftig sind“, antwortete sie mir und gab mir dabei einen Tabs auf den Hintern. „Und wie bekommt man lockiges langes blondes Haar?“, gab ich mich nicht geschlagen. „Das bekommen nur Kinder, die besonders viel essen und früh ins Bett gehen“. Daraufhin aß ich ein paar Wochen, selbst was mir nicht schmeckte, und das war beileibe nicht wenig und ging besonders früh ins Bett. Aber es half nichts. Mir wuchs kein lockiges blondes Haar. Irgendwann reichte es mir. Ich ging daraufhin gar nicht mehr ins Bett und aß auch nichts mehr. Das Dorf hatte mich betrogen, und wenn ich groß sein würde, würde ich mich auf die Suche nach ihm begeben und es ihm heimzahlen.

Aus dem Trog, der in der Mitte des Hofes aufgestellt war, stieg der Dampf des siedenden Wassers empor, sodass man die Gestalten, die sich um den Trog zu schaffen machten, nur schemenhaft erkennen konnte. Sie zogen in einem gleichmäßigen Rhythmus an einer Kette und gossen von Zeit zu Zeit kochend heißes Wasser in den Bottich.

Ich hasste diese Tage, an denen es hieß, morgen sollte geschlachtet werden. Wenn ich am nächsten Morgen von dem Geschrei der Schweine geweckt wurde, verkroch ich mich unter meiner Bettdecke und hielt mir die Ohren zu, bis das markerschütternde, Todesangst verbreitende Gequietsche dieser Kreaturen nicht mehr zu hören war. Erst wenn alles vorüber war, kroch ich unter der Bettdecke hervor, zog mir meine Kleider über und schlich neugierig das Stiegenhaus hinunter in die Küche, wo auf dem Herd die mit Wasser gefüllten Kesseln standen. Meine Mutter eilte mit Töpfen durch das Haus. Auf der Bank, die in der Küche stand, waren bereits Schüsseln aufgestellt, in die das Faschierte, das geknetet werden musste, hineinkommen sollte. Ich setzte mich auf einen Stuhl und schlürfte meine Milch, die mir von meiner Mutter zubereitet worden war, ließ meine Beine in der Luft baumeln und genoss die Augenblicke, wo sich alles um mich herum bewegte und alles auf seine Art mit Leben erfüllt war. Nur den Lampenschirm, der über dem Küchentisch hing, schien dieses Treiben unbeeindruckt zu lassen. Neugieriges Staunen erfüllte mich, und doch schwang  auch etwas mit, was ein Unwohlsein in mir auslöste. Solange ich diesem Treiben als Zusehender beiwohnen konnte, fühlte ich mich glücklich, sobald ich jedoch merkte, dass auch ich in diesem Getriebe meine Aufgabe zu finden hatte, verschwand jede Neugierde aus meinen Augen. Das Schwein musste sterben, und der Fleischer hatte es, ob er wollte oder nicht, mit seinem Schussapparat zu töten. Das war seine Bestimmung. Nur konnte ich schon damals keinen Unterschied zwischen den beiden erkennen. Und hätte mich jemand gefragt, wer von beiden ich lieber gewesen wäre, ich hätte ihm keine Antwort geben können.

So hielt ich mich im Hintergrund und versteckte mich in der Speisekammer hinter all den alten, mit Most gefüllten Fässern und schaute neugierig aus dem kleinen Fenster, das mit Gitterstäben abgesichert war. Ich wollte nicht mit den toten Schweinen in Berührung kommen, die meist, nachdem ihnen der Schlachtapparat an die Stirn gelegt und abgedrückt worden war, mit der Kugel im Kopf noch ein paar Meter durch den Hof sprangen, um dann benommen liegen zu bleiben, während sich der Boden rot färbte und die Augen leblos zum Himmel starrten.

Erst wenn sie gänzlich zerlegt worden waren und das leblose Fleisch auf dem Tisch aufbereitet dalag, zeigte ich mich wieder. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das noch warme Fleisch zu berühren. Es gefiel mir, in diese leblose Masse zu greifen.

Jedoch um nichts in der Welt wollte ich Fleischhacker werden, wie es mein Vater von mir forderte. „Wenn du groß bist, wirst du Fleischer, dann brauchen wir keinen mehr ins Haus rufen“. Der Fleischhacker, der mich mit seinem großen ovalen Kopf und mit den wenigen Haaren an die Muttersau erinnerte, die draußen im Stall in der ersten Scheune lag, schmunzelte daraufhin meist und blinzelte mir kurz zu. Er war mir nicht unsympathisch, und doch hatte ich mächtigen Respekt vor ihm, wenn er mit ein paar Messern in der Hand und der weißen Schürze, an der noch das Blut klebte, durch die Küche schritt.

Er machte einen gutmütigen Eindruck, und manchmal dachte ich mir, dass der Geist der getöteten Schweine in ihn übergegangen sein musste, da man ansonsten  nicht so aussehen konnte. Und wenn ich ihn im Jahr darauf wieder traf, sah ich mich in meinen Vermutungen bestärkt, denn mit zunehmendem Alter sah er einem Schwein immer ähnlicher.

Einmal träumte ich, vielleicht auch deshalb, weil mein Zimmer gleich an den Schweinestall angrenzte, dass ich mit einer Sau im Bett lag. Ich wachte auf und fing zu schreien an, dass mich eine Sau gebissen hätte, und meine Mutter möge doch schnell den Fleischer rufen, damit er die Sau erledigen könne. Ich bestand darauf, dass sie unter meinem Bett nachsah, dorthin hatte sie sich bestimmt verkrochen. Aber sie fand die Sau nicht. Trotzdem weigerte ich mich in dieser Nacht beharrlich, in meinem Bett zu schlafen, und schlief im Zimmer meiner Eltern.

Beim Mittagessen saß der Fleischer auf meinem Stuhl. Ich musste mich auf den Sessel meiner Mutter setzen, die an diesen Tagen ihre Mahlzeit erst einnahm, nachdem alle anderen gegessen hatten. Ich war fasziniert von seinen großen Händen, mit denen er das Besteck hielt, und mit ein paar Schnitten das ganze Schnitzel zerlegte und in sein großes Maul stopfte.

Zu jener Zeit waren wieder zwei Männer aus dem Nachbardorf, die sich auf die Suche nach einem verlorenen Kalb gemacht hatten, in die Berge gestiegen und bereits seit Tagen verschollen. Und so war dies an diesem Tag auch das einzige Tischgespräch. Ich hörte neugierig zu. Jede noch so kleine Silbe über das Dorf schien mir von größter Bedeutung.

„Gott nimmt und Gott gibt“, meinte meine Tante, die eine gottesfürchtige Frau war und bei der Arbeit mithalf.

Das ist nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr“, warf der Fleischer ein, „wo doch in den letzten paar Jahren nichts geschehen ist“. „Gott gibt und Gott nimmt, und wenn er denkt, dass es wieder an der Zeit ist, so ist es sein Wille. An dem Willen des Herrn darf man nicht zweifeln“, entgegnete meine Tante.

„Altweibergeschwätz“, zischte der Fleischer, der die zwei Männer offenbar gut gekannt hatte, und nahm einen Schluck Bier. „In eine Felsspalte sind sie gestürzt, und davon gibt es da oben genug. Ich halte nichts von diesem Gerede“, stieß er nach und schenkte Bier in sein Glas. „Paß nur auf, dass du nicht der nächste bist“, entgegnete meine Tante erzürnt. Sie hätten wohl ernsthaft zu streiten angefangen, hätte nicht mein Vater vom Thema abgelenkt. Er wollte wissen, wann der Fleischer das nächste Mal Zeit habe, da es für die übrigen drei Säue seiner Ansicht nach auch schon an der  Zeit sei, und er sie schon lange genug gemästet habe.

Mein Vater war ein angesehener Mann in dem Dorf, allseits beliebt und respektiert. Wenn er etwas zu sagen hatte, dann schwiegen die anderen. Des Öfteren hatte ich schon seine Hand zu spüren bekommen, wenn ich mich seinen Anweisungen widersetzte, sodass ich irgendwann keine Lust mehr verspürte, mich ihm zu widersetzen, da seine Hände jedes Mal mächtiger zu werden schienen. Zu jener Zeit war meine Sehnsucht nach dem Dorf in den Bergen besonders ausgeprägt. Meine Mutter meinte, dass es mein Vater nicht so meine, und ich doch froh sein könne, dass es mir nicht so erging wie dem Nachbarsjungen, der von seinem Vater mit dem ledernen Hosengürtel auf den nackten Hintern geschlagen wurde.

Diese Vorstellung beruhigte mich nun nicht unbedingt, da mir mein Vater erst unlängst die selbe Methode angedroht hatte.

„Nächste Woche, Montag“, antwortete der Fleischer, der von meinem Vater Hans gerufen wurde. „Montag, na gut“, sagte mein Vater und holte sich eine Kartoffel aus der Schüssel. Ich dachte mir oft, dass mein Vater der Teufel oder der liebe Gott sein musste. Öfter dachte ich mir allerdings, dass er der liebe Gott war, da er immer alles wusste. Und ich war sein Sohn, der irgendwann aufs Kreuz geschlagen wird, und dem wollte ich schon damals entgehen. Obwohl es mich faszinierte, dass Gottes Sohn Wasser in Wein verwandeln konnte, wie unser Hochwürden in der Kirche in seiner Predigt berichtete, aber da glaubte ich eigentlich schon lange nicht mehr, dass ich Gottes Sohn war. Höchstens sein Adoptivsohn, irgendein Storch hatte mich abgeworfen, und meine Mutter hatte mich auf dem Feld beim Kartoffelgraben gefunden. So musste es gewesen sein. Ich war einfach vom Himmel gefallen und lag wie eine Kartoffel im Feld. Meine Mutter, die mich da sah, so hilflos, erbarmte sich meiner und nahm mich mit nach Hause.

Nachdem sie gegessen hatten, unterhielten sie sich noch eine Zeitlang über Gott und die Welt. Nach einiger Zeit standen sie auf, um sich wieder der Arbeit zu widmen. Zwei Säue mussten noch zerlegt werden. Ich hatte mir eine Beschäftigung zu suchen, wenn ich nicht zu einer dieser Tätigkeiten eingeteilt werden wollte. Meist musste ich die Würste, die aus dem Faschierten gemacht wurden, mit einer Nadel anstechen, sodass die Luft, die sich noch in den Därmen befand, entweichen konnte. Ich verkroch mich, spazierte wieder hinaus in die Felder, die mir mein liebstes Zuhause waren. Es gab mir ein Gefühl der Freiheit, wenn ich durch die Felder lief und meiner Katze beim Mäusefangen zusah. Abends kroch ich erschöpft in die Küche zurück.

Das Dorf, in dem ich lebte und das mein Universum darstellte, bestand aus einigen wenigen Häusern, die entlang einer Straße und einem Kirchturm aufgestellt waren. Ich weiß nicht, ob zuerst der Kirchturm da stand oder die Häuser, wahrscheinlich war es wohl so, dass zuerst die Glocke des Kirchturmes da war, aus der sich irgendwann die Kirche gebildet hatte. Nachts getraute ich mich nicht in seine Nähe, denn etwas Gespenstisches ging von ihm aus, und meine  Nachbarin, die mit ihrer Tochter nicht weit von unserem Haus in einem kleinen Häuschen wohnte bestärkte mich darin. Sie war im Dorf als Hexe verschrien, da sie sich mit dem Kartenlesen beschäftigte. Einmal meinte sie zu mir, dass ich mich vor diesem Turm in Acht nehmen solle, da dort ein böser Geist wohne, der nur Unheil zu bringen wisse und der seine Freude daran habe, anderen Menschen einen bösen Streich zu spielen. Ich mochte die Frau und auch einige Männer in unserem Dorf taten dies, wie ich bemerkte, da sie bei ihr ein und ausgingen. Die Frauen in dem Dorf hassten sie allerdings. Warum, war mir damals unverständlich. Ihr ganzes Haus war voll mit Katzen. Es mussten an die zwanzig gewesen sein. Oft in der Nacht, wenn ich nicht einschlafen konnte, hörte ich ein Konzert, als hätten sich alle Katzen im Garten versammelt und würden eine Chorprobe abhalten. Ich stellte mir vor, wie meine Nachbarin mit einem Dirigentenstock in der Hand den Takt angab und dann auf einem Besen zu den Sternen hochflog, wie es mir meine Großmutter erzählt hatte, als sie noch lebte, wenn sie mir über Hexen berichtete. Ich sah sie hoch oben zwischen den Sternen, wie sie zweimal den Mond umkreiste und mit den Katzen um die Wette sang. In solchen Nächten schlief ich besonders gut.

Von ihr erhoffte ich mir mehr über das Dorf oben in den Bergen zu erfahren, und ich bemühte mich, wann immer es möglich war, in ihrer Nähe zu sein, was mir den Ärger meiner Mutter einbrachte. „Was hast du schon wieder bei der Hexe verloren“, wollte sie wissen, wenn ich aus deren Garten kam, wo ich mit den Katzen gespielt hatte. „Nichts“, antwortete ich und setzte mich mit unschuldiger Miene an den Tisch und ließ mich bewirten. „Katzenvater“, sagte sie zu mir, wenn ich in der Folge aus dem Garten der Nachbarin  kam. Ich hatte auch eine eigene Katze, die mir eine Tante zu meinen dritten Geburtstag geschenkt hatte.

Sie hatte ein schwarzes Fell, ihre Augen funkelten böse und ihre Krallen, die ich nicht selten zu spüren bekam, wenn ich mich nicht artig verhielt, waren scharf und gefürchtet. Aber irgendwann verließ sie mich, da ich sie anscheinend zu schlecht behandelt hatte, und sie wurde eine Wildkatze, die sich von niemandem fassen ließ. So kam sie nur mehr hie und da wenn sie hungrig war an unserem Hof vorbei, und streunte die restliche Zeit  herum. Vor ihren Krallen waren selbst die Kater im Dorf, die sie an Größe weit übertrafen, auf der Hut.

Die Nachbarin gewöhnte sich mit der Zeit an meine Besuche, wohl auch weil ich mich mit ihrer kleinen Tochter, die ein Jahr älter war als ich, gut verstand. Sie war eine Frau um die vierzig, von nicht sehr großer Statur und hatte weißblondes gewelltes Haar, sodass sie in der Nacht tatsächlich einer Hexe glich. Ihre kleine Tochter hatte dasselbe lockige blonde Haar, solches, wie man es haben musste, um in das Dorf oben in den Bergen zu kommen.

In den folgenden Tagen waren meine Eltern und meine halbe Verwandtschaft damit beschäftigt, das Fleisch der geschlachteten Säue zu verarbeiten. Überall hing der Duft von rohem Fleisch in der Luft. Sobald man die Haustüre öffnete, schlug einem dieser Fleischgeruch in die Nase. In der Küche hingen die Würste bereit für die Räucherung. Dies passierte in einem der Nebenräume, in dem sich ein riesiger Kamin befand. Mein Vater kam meist mit rußverschmiertem Gesicht aus diesem schwarzen Loch hervorgekrochen. Er sah aus wie der schwarze Mann, von dem mir meine Großmutter erzählt hatte.

Geschäftig rannte man mit dem Fleisch im Haus herum. Und ich steckte meiner Nase in alles. Ich versuchte, alle diese Düfte in mich aufzusaugen. Ich war angewidert und fasziniert zugleich von diesem Geruch. Am dritten Tag war der Spuk vorbei. Das Fleisch war verarbeitet und in einer Kammer untergebracht worden. Nur der Kamin, in dem das Fleisch geräuchert wurde, erinnerte noch an die Ereignisse der letzten paar Tage.

Die zwei verschwundenen Männer wurden nicht weiter erwähnt. Als gehörte es sich nicht, darüber zu sprechen. Sie waren einfach verschwunden. Als ich von meiner Mutter wissen wollte, was denn mit den Männern geschehen sei und wo sie nun seien, meinte sie bloß, ich solle spielen gehen. Überhaupt sprach man immer seltener darüber,  als wäre es etwas Verbotenes, etwas, über das man nicht zu sprechen hatte.

Der eine von den zweien war ein Verwandter des Fleischers gewesen. Ein junger Mann Mitte Zwanzig. Er war am Morgen zusammen mit seinem besten Freund aufgebrochen, um nach dem verschwundenen Kalb zu suchen. Als sie am Abend  noch nicht zurückkehrt waren, machte man sich noch keine Gedanken, denn es passierte häufig, dass jemand oben in einer Hütte übernachtete. Das nahm man auch in diesem Fall an. Als sie am darauffolgenden Tag noch immer nicht zurückgekehrt waren, wurde die Familie unruhig. Man beschloss, ein paar Männer auf die Suche nach den zwei Vermissten zu schicken. Trotz intensiver Suche, die mehrere Tage in Anspruch nahm, konnte keine Spur, weder von dem Kalb noch von den zwei jungen Männern, gefunden werden. Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den umliegenden Dörfern, dass der Berg wieder zwei eingefordert hatte. Eigentlich war es nichts Außergewöhnliches, da jedes Jahr ein oder zwei Bewohner der Gebirgstäler nicht mehr aus den Bergen zurückkehrten. Doch heuer waren bereits drei nicht wiedergekehrt. Die Aufregung war daher ungewöhnlich groß. Obwohl die Ältesten in dem Dorf meinten, dass dies sicher zu einer guten Ernte führen würde.

„Wenn die Erde gefräßig ist, dann ist die Frucht dieser Erde besonders ertragreich“, pflegten sie zu sagen. Sie betrachteten diese Menschenopfer mit gemischten Gefühlen. Einerseits trauerten sie um die Vermissten, andererseits nahmen sie dies als von Gott gewollt hin. Und Gottgewolltes konnte nichts Schlechtes sein. Da man sich diese Vorgänge nicht erklären konnte, schmiedete man sich alle gottgewollten und nicht gottgewollten Meinungen zurecht. So meinte man, dass die Vermissten sicherlich nicht gestorben, sondern in eine andere Welt übergetreten seien, wo das Leben um einiges besser war. Andere wiederum behaupteten - dies wurde ihnen schon über Generationen hindurch vermittelt - dass sich da oben eine Art Zeitloch befand, dass da irgendwo ein Punkt, ein kleiner Fleck der Erde war, der ein Zeitloch verkörperte, das einen, sobald man auf diesen Punkt stieß, in die Zukunft schleuderte. Was wiederum unser Pfarrer als Ketzertum verurteilte. Ich denke, dass auch meine Nachbarin in diese Richtung dachte, obwohl sie sich hütete, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Sie schmunzelte nur immer belustigt, wenn ich versuchte, sie auf das Dorf anzusprechen, und meinte, dass man über manche Sachen nicht sprechen sollte, man weiß sie oder man weiß sie nicht.

Manchmal schien es mir, als ob mich ihre Worte verzauberten, als würden mir Flügel wachsen, mit denen ich wie ein Vogel hinauf zu den Bergen flattern konnte. Aber dann spürte ich wie mir eine Katze um die Füße streifte. Sie miaute leise. Ich nahm sie in meine Hände und streichelte sie. Mir war ganz warm ums Herz geworden und ich war froh, dass ich jemanden hatte, den ich fest in die Arme nehmen konnte. Ich hatte plötzlich Angst vor dem Fliegen bekommen.

Überhaupt gab es in unserem Dorf sehr seltsame Gestalten. Einen Jungen, der zwei Köpfe größer war als ich und den ich immer die Straße entlang spazieren sah. Wenn ich ihn ansprach, fing er zu stottern an und  machte sich schnell wieder aus dem Staub. Meine Mutter meinte, dass er keine Eltern habe, dass er von einem Bauern aus dem Nachbardorf aufgenommen worden war und nicht ganz richtig im Kopf sei. Oft dachte ich, er müsse mein Bruder sein, da auch ich in Wirklichkeit keine Eltern hatte. Er war wie ich vom Himmel gefallen. Eines Tages, da war ich schon etwas älter, holte er mich von der Schule ab und meinte, ich solle mit ihm kommen, da ein Mann ihn beauftragt habe, mich abzuholen, weil er mich sehen möchte. Ich weigerte mich  und suchte Zuflucht bei meiner Lehrerin, die mich vor diesem Mann beschützen sollte. Ich verspürte plötzlich ein laues Gefühl im Magen. Um nichts in der Welt wollte ich zu diesem Mann, den ich mir, obwohl ich ihn nie zu Gesicht bekommen hatte, mit einem schwarzen Mantel, einem  Regenschirm und einem langnasigen Gesicht  vorstellte. Ich wollte zu keinem Mann, der mich sicher irgendwohin entführen würde. Nein. Gott sei Dank leistete mir meine Lehrerin Beistand und schickte den Jungen weg. In Zukunft hütete ich mich vor diesem Jungen, wenn ich ihn auf der Straße sah.  Meine schlimmste Vorstellung war, ihn irgendwo auf dem Schulweg, alleine auf einem Feldweg zu treffen. Bis heute weiß ich nicht, was er damals von mir wollte, vielleicht wollte er mir bloß das Dorf zeigen. Ich weiß es nicht, aber er spukte noch eine Zeitlang irgendwo in meinem Kopf umher. Wenn ich ihn früher neugierig beobachtet hatte, machte ich mich nun so schnell es ging aus dem Staub, wenn ich ihn erblickte.

Da war noch eine alte Frau, die von allen die alte Nane gerufen wurde. Manche meinten, sie müsste bereits um die hundert sein, andere wiederum schätzten sie nicht älter als achtzig. Sie selbst hütete dieses Geheimnis wie ihren Augapfel. Welches Alter sie auch immer hatte, sie war noch in einer recht guten körperlichen Verfassung. Man sah sie oft, wie sie ihren sechzigjährigen Sohn und ihren Enkel aus den Wirtshäusern, wo sie ihr Geld beim Kartenspielen verjuxten, holte.

Wenn sie die Gaststube betrat und ihren Sohn und ihren Enkel aufforderte mitzukommen, so fluchten diese zwar, erhoben sich aber und verabschiedeten sich unter dem Gelächter der übrigen Gäste. Ich sah sie oft an unserem Haus vorbeigehen, wie sie schimpfend Sohn und Enkel wie zwei Ochsen vor sich hertrieb.

Dann gab es den Kas Peter, der, wie mir schien, meine Mutter verehrte und an den ich mich noch gerne erinnere, da er mit mir die wildesten Späße machte und immer über hundert Dinge gleichzeitig erzählte. Er war ein kräftig gebauter Mann mit schwarzem Haar und trug meist einen grünen  Arbeitsmantel, da er Mechaniker war. Er kam im Laufe des Tages, am Nachmittag, wenn mein Vater auf dem Feld war, nahm in der Küche Platz und ließ sich von meiner Mutter einen Schnaps einschenken. Irgendwann kam er nicht mehr. Meine Mutter erzählte mir, dass er Blut gespuckt und wegfahren hätte müssen. Ich sah ihn nicht mehr wieder. Wenn meine Mutter mir später von ihm erzählte, wurde ihre Stimme ganz leise und es kam mir vor, dass sie traurig war.

Das Dorf schien von außen betrachtet, ein zeitloses Schiff zu sein, das in eine Landschaft eingebettet war und nur darauf wartete, dass wieder eine Brise einsetzte, dass es weiter durch die Landschaft treiben konnte. Doch meist tat sich nichts. Im Herbst fielen die Blätter von den Bäumen und tanzten im Wind. Ich machte mich mit meiner Nachbarsfreundin daran, Kastanien zu sammeln. Ich liebte diese Jahreszeit, wenn sich die Wälder und Wiesen verfärbten  und es allmählich ruhig wurde, wenn sich die Raben auf den Bäumen sammelten und im Hintergrund dunkle Wolken den Horizont verdeckten.

Eines Tages teilte mir mein Vater mit, dass ihn unser Hochwürden gefragt habe, ob ich nicht Ministrant werden wollte. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Die Vorstellung, einer von diesen Weißkuttigen zu werden, die jeden Sonntag die Glocke zu läuten hatten, gefiel mir nicht wirklich. Auch weil ich dieses weiße Gewand hasste, diese Uniform, die aus einer weißen Kutte, einem Strick, den man um den Leib band, und einem weißen Tuch, das man mit besonderer Sorgfalt um den Hals zu wickeln hatte, bestand. Eigentlich fragte er mich gar nicht, sondern befahl es mir. Ich war  ebenso gewiss, wie das Amen im Gebet, dazu auserkoren geworden, sonntags dem Pfarrer den Wein über die Finger zu schütten und  mich mit dem Opferstock durch die engen Bänke zu zwängen, um das Opfergeld einzusammeln. Und so kam es, dass ich bereits eine Woche später von unserem Herrn Pfarrer in das Geschäft des Ministranten eingeweiht wurde, wie die Heilige Jungfrau Maria in das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis. Zu allererst zeigte er mir, wie ich mich zu kleiden hatte, welche Tücher um den Hals zu wickeln  und welche Knoten  um mein weißes Gewand zu knüpfen waren. Ich stellte mich dabei so ungeschickt an, dass mir unser Herr Pfarrer in der ersten Zeit  behilflich sein musste. Unser Hochwürden wusste sich, den Tag zu seinem Nutzen zu gestalten und hatte eine Vorliebe für Rotwein, sodass ihn die besonders Frommen im Dorf oft einen „halben Pfarrer“ schimpften. Allerdings nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war, da sie trotz allem seinen Bann fürchteten. Meine Aufgabe als Ministrant bestand zunächst darin, es den anderen, um einiges älteren Ministranten gleichzutun. Sobald sie sich vor dem Altar hinknieten, hatte auch ich niederzuknien. Wenn sie aufstanden, hatte ich mich ihrer Reihe anzuschließen und ihnen zu folgen. Ich durfte nicht, was ich liebend gern getan hätte, da ich Gefallen an dem Glockengeläut gefunden hatte, die Glocke dreimal im Takt schlagen, wenn sich unser Herr Pfarrer niederkniete, und durfte ihm auch nicht den Wein über die Finger schütten. Dies war dem Ältesten und Erfahrensten vorbehalten. Ich schämte mich ein wenig in meinem neuen Gewand, wenn ich vor dem Herrn Hochwürden kniete und meine Nachbarsfreundin erblickte, die in der ersten Bank saß und mir aus Gründen, die mir verborgen blieben, die Zunge zeigte. Seit sie im Nachbardorf zur Schule ging, ignorierte sie mich und wollte auch nicht mehr gemeinsam mit den Katzen spielen. Als ich nun vor dem Herrn Hochwürden kniete und ihm auf die Socken starrte, die unter seiner Kutte hervorleuchteten, und im Hintergrund meine Nachbarsfreundin alle möglichen Gesichter schnitt, hätte ich ihr gerne den Wein unseres Herrn Pfarrer über ihr flockiges Haar geschüttet.

Mein Vater, der oben auf dem Chor, wo die Männer Platz genommen hatten, saß,  war über meine neue Beschäftigung sichtlich zufrieden. Er war am Abend voll des Lobes für mich und bot mir an, mir ein Kalb zu schenken, das ich groß ziehen und später für gutes Geld verkaufen konnte.

Im Spätherbst tauchte in der Regel ein Mann auf, den alle „den Streuner“ nannten, da er meist in  Tennen übernachtete und sich sein Essen durch Hilfsarbeiten verdiente. Oft arbeitete er auch nicht und bekam trotzdem sein Essen. Er war ein bärtiger Mann von wuchtiger Gestalt und hatte eine tiefe Stimme,  trank gerne Schnaps und wurde davon so lustig, dass meine Mutter ein paar Mal laut lachend vor ihm davon rennen musste.  Meist war er nach ein paar  Tagen wieder verschwunden. Einmal meinte er spaßhaft zu mir, als ich mit ihm im Obstgarten die Äpfel von den Bäumen pflückte, ob ich nicht mitkommen wolle, hinauf in das Dorf. „Ja, sofort!“ Meine Stimme überschlug sich, und die ganze Scheu vor seinem Bart war mit einem Mal verflogen. Doch er gab mir bloß einen Schubs und meinte: „Vielleicht ein andermal. Das kann ich deiner Mutter nicht antun. Stell dir vor, du bist plötzlich weg. Deine Mutter würde furchtbar traurig sein“. Trotzdem wollte ich fort, obwohl mich dieser Gedanke etwas nachdenklich gestimmt hatte. Am nächsten Tag war er verschwunden, ohne dass er sich von mir verabschiedet hatte. Ich vergaß ihn lange nicht und er erschien  mir in der folgenden Zeit oft in meinen Träumen: Ich marschierte  mit ihm durch die Berge, an einer Wiese vorbei, in deren Mitte ein Brunnen stand, wo wir uns mit kühlen Nass erfrischten. Das Rauschen des Wassers beruhigte und wühlte mich zugleich auf. Ich hörte seine Stimme, die mich aufforderte, nicht zuviel von dem Wasser zu trinken, da mir dies nicht bekommen und mir den Geist verwirren würde. Ich wollte von ihm wissen, wie es denn sei, wenn der Geist verwirrt ist. Er gab mir keine Antwort, sondern zog mich von dem Wasser weg, hob mich auf seine Schultern und schritt mit mir weiter zu den Gipfeln hinauf. „Werden wir fliegen?“ wollte ich von ihm wissen. „Wir werden bestimmt fliegen“, entgegnete er mir und warf mich kopfüber von seinen Schultern, dass ich hart auf dem Boden zu liegen kam. „ Beim Fliegen muss man aufpassen, dass man nicht abstürzt. Das will gelernt sein“, lachte er, als er mich mit verdutztem Gesicht auf der Wiese liegen sah. Ich griff nach seiner Hand und wollte wieder aufstehen. In diesem Moment spürte ich die warme Hand meiner Mutter, die vor mir stand und wissen wollte, ob ich schlecht geträumt hätte, da ich aus dem Bett gefallen war.

Benommen sah ich sie in ihren Nachthemd vor meinem Bett stehen. „Ich weiß nicht,“ entgegnete ich ihr. Sie hob mich ins Bett und deckte mich wieder zu. Aus dem hinteren Zimmer hörte ich die Stimme meines Vaters, der wissen wollte, was denn schon wieder mit dem Kleinen los war.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Viele Bilder geisterten mir durch den Kopf. Im Halbschlaf sah ich den Fleischer, wie er mit seiner Axt auf ein Schwein einhackte, das nicht und nicht sterben wollte, sodass der Fleischer mit der Zeit ermüdete und samt seiner Axt kopfüber in den Trog stürzte und nun von dem Schwein, das nicht sterben wollte, mit der Kette bearbeitet wurde, bis der Fleischer völlig im Trog versank. Im ganzen Hof begannen sich die Schweine zu sammeln, und mein Vater watete mit hohen Gummistiefeln durch den Morast, den die Schweine hinterlassen hatten, um den Fleischer zu suchen, bis die Dämmerung hereinbrach und der Hof in der Dunkelheit versank.