An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste,
sind viele Vögel gestorben.

»Killer stand da als subject. Eindeutig Spam.
Aber Killer klang irgendwie aufregend …«



Das vorsätzliche Öffnen des Attachments einer Spam-Mail ruft im Leben des Ich-Erzählers eine Reihe von Veränderungen hervor, treibt ihn in die Rolle eines Suchenden in unbekanntem Territorium.
Es ist eine phantastische Welt, die Josef Kleindienst beschreibt, ein Universum, das sich hinter dem Alltäglichen verbirgt, in dem Fiktion und Wirklichkeit ineinander verschwimmen, in dem das Fragmentarische als das unsichtbare Gesetz über allem thront. Es gibt kein Entkommen aus diesem Kosmos, nur in der Bewegung liegt Rettung – aber was tun, wenn alles erstarrt? Im Stillstand macht sich der Ich-Erzähler selbst zum Ereignis und ist bald hoffnungslos überfordert.
So wird er plötzlich Mitglied eines internationalen Destabilisierungssystems, in dessen Zentrum eine Horde geiler Affen steht. Ein sexbesessener russischer Oberst möchte ihn unbedingt mit seiner Tochter vermählen und seine Bankberaterin fordert plötzlich »Kundenloyalität« ein. Als auch noch der Portier des Schönbrunner Schlossparks spurlos verschwindet und ein Mädchen in einem schwarzen Sporttanga in sein Leben tritt, ist es gänzlich um seine Ordnung geschehen. Immer tiefer verstrickt er sich in einem Netzwerk des Absurden und starrt heroisch in die Abgründe, die sich um ihn auftun.



Josef Kleindiensts An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste, sind viele Vögel gestorben ist das Logbuch eines Getriebenen. Ein Parforceritt zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Stillstand und Außergewöhnlichem. »Ich verlasse mich, ich mache Schluss mit mir, ich suche mir jemanden anderen, ich passe mir nicht mehr, das geht sich einfach nicht aus mit mir, wir haben einfach zu unterschiedliche Interessen, wir verstehen uns einfach nicht. Ich suche mir etwas Neues.«

 

 

 

 

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Broschiert: 131 Seiten
Verlag: Sonderzahl Verlagsges.
(August 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3854493398
ISBN-13: 978-3854493396
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Leseprobe

001
Killer stand da als subject. Eindeutig Spam. Aber Killer klang irgendwie aufregend, also hat dann doch die Neugier gewonnen. Ich wollte immer mal einen Killer und da ich zu jener Zeit in einer absoluten Depri-Verfassung war, war mir ein Killer gerade recht. Also öffnete ich das Attachment. Zuerst tat sich nichts und dann …
stand bloß wieder Killer da und dann …
tat sich weitere 24 Stunden nichts, bis irgendwann der Super-GAU eintrat. Das Telefon läutete. Am anderen Ende eine klare, junge, weibliche Stimme, die meinte, sie habe da eine Mail bekommen, in der ihr diese Nummer zugeschickt wurde. Nähere Informationen würde sie von mir bekommen. Wozu nähere Informationen, fragte ich sie genervt. Keine Ahnung, nähere Informationen eben, meinte sie. Und ich, noch immer nicht ganz auf der Höhe und irgendwie angeturnt von dieser hellen, jungen Stimme, wollte sie gleich zum Essen einladen. Ja, aber sie meinte bloß: Killer. Das ist gut, sagte ich ihr und legte auf.

002
24 Stunden tat sich nichts. Dann wieder ein Telefonläuten. Jemand vom Ministerium war dran, für Wasserschutz oder so einen Quatsch, und gratulierte mir zu einer Quelle, die ich bei einem Preisausschreiben im Zuge einer Kampagne zur Rettung des Trinkwassers gewonnen hatte. Irgendwo in den Lienzer Dolomiten in den österreichischen Alpen sollte sich dieses Stück Natur befinden. Auch gut, dachte ich mir, stolzer Besitzer einer Wasserquelle zu sein, ist immer gut, aber soll ich mir deswegen ab jetzt mein Teewasser von dort holen? Schön, sagte ich der Stimme, schicken sie mir das alles, die Urkunden und so weiter und legte auf.

003
7 Stunden keine Meldungen, keine Anrufe.
In der 8. Stunde, plötzlich eine E-Mail. Top secret. Shit, dachte ich. Die E-Mail war von einer Freundin, die mir ihren ganzen Beziehungsquatsch erzählte. Sollen wir uns tatsächlich umbringen, sollen wir das jetzt einfach so tun, oder sollen wir uns treffen und Sex machen, schrieb ich ihr zurück und erwartete mir keine Antwort.

004
Ein Anruf vom russischen Auslandsgeheimdienst. Ich soll vorbeikommen und dem Oberst Scharimenko einen blasen. Ich willigte ein, um 8 Uhr vorbeizukommen. Zu jener Zeit hatte ich schon über einen Monat keinen Sex mehr. Brachte mich fast um den Verstand diese sexlose Zeit, meine Hände, meine Haut waren am vertrocknen, insofern dachte ich mir, Oberst Scharimenko komme vielleicht gerade recht.

005
Kurz darauf wieder ein Anruf. Agent meldet sich. „Schlag zu“, war zu hören. „Schlag zu, Punkt 8. Du bist unsere Bombe. Suizid.“ „Fuck the suicide“, antworte ich genervt.

006
Oberst Scharimenko war nicht da. Er ließ sich entschuldigen und richtete mir aus, dass es ihm aufrichtig leid tue, aber seine Sekretärin würde gerne zur Verfügung stehen. Mir war inzwischen generell die Lust vergangen und ich verabschiedete mich wieder.

007
Das Ministerium für Landesverteidigung schickte mir daraufhin eine E-Mail. Auslandsspione werden sofort liquidiert, stand da in roter Schrift. Ich ging schlafen, mich ermüdete diese ganze Sache. Mir war nicht ganz klar, wohin das noch alles führen sollte.

008
Krieg war ausgebrochen.
Ein ganzes Kommando Slowaken war in der Nacht über die Grenzen gekommen, hatte Dörfer niedergebrannt und war dann wieder nach Hause gegangen. Der slowakische Präsident entschuldigte sich für diesen bedauerlichen Vorfall und versprach Wiedergutmachung.
Aber noch in derselben Stunde waren die Unsrigen ausgerückt und legten Bratislava in Schutt und Asche. Mir war das egal. Bratislava gefiel mir ohnehin nicht.

009
Ich spucke aus dem Fenster, wieder nicht getroffen. Ich bin erschüttert.

0010
Ich gebe mir eine Spritze und verspüre eine angenehme Entspannung.

0011
Ich gebe mir noch eine Spritze und kratze mich am Ohr.

0012
Eine kleine Nachtmusik erklingt aus dem Radio. Ich bin gerührt.

0013
2 Tage hat das Telefon nicht geläutet. Ich bin verzweifelt. Hat mich die Welt vergessen?

0014
Heute bin ich aufgewacht und habe mir gedacht, ich muss dieser Welt den Krieg erklären mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Ich schaue aus dem Fenster und spucke. Ergebnis egal.

0015
Ich ziehe mich zurück und warte 2 Tage auf einen Anruf.
Dann klingelt das Telefon, ich gehe aber nicht ran. Erst nach weiteren 2 Anrufen hebe ich ab. „Hallo, wer da?“ „Ich bin es, Santa Claus.“ „Santa Claus, wie nett, dass du an mich denkst, du meine Santa Claus, du.“ Mit Santa Claus habe ich eine innige Verbundenheit.
Bei unserer ersten Begegnung, habe ich sofort gewusst, dass ich eine Seelenverwandte gefunden hatte. Santa Claus ruft mich alle 2 Monate an. Und ich rufe sie einmal im Monat an und erkläre ihr immer, wie gern ich Sex mit ihr hätte.
Aber sie habe genug Sex, klärt sie mich jedes Mal auf. Auch schön.

0016
Heute ist mein Tag. Ich laufe in die Trafik und kaufe mir ein Rubbellos.

0017
Ich brauche auch einen Job, einen verfluchten Job. U-Bahn-Fahrer dürfen den ganzen Tag im
Kreis fahren und können Pornos lesen.

0018
Transformation. Eine E-Mail hat mich nach St. Petersburg geschleudert. Hier soll es Killer zum Saufüttern geben, für 300 Dollar ist man dabei, wie ich von Vlado erfahre. Vlado hat mich vom Flughafen abgeholt, mit einem museumsreifen Lada, dessen Sitze mit hellrotem Plüsch überzogen waren, und mich, nachdem ich mit seiner Unterkunft nicht zufrieden war, bei der Melonenmafia einquartiert. „You know what is a musserfucker?“ „No idea.“ „Ein Melonenficker“, hat er gelacht, als er mit mir den mit Müll überfrachteten Innenhof eines heruntergekommenen Wohnhauses betrat. Danach stiegen wir das schmale Stiegenhaus hoch, er zeigte mir mein 7-m²-Zimmer, drückte mir den Schlüssel in die Hand und meinte noch, ich solle mich vor der Wohnungseigentümerin, ihrem Liebhaber, ihrer Tochter, dem Liebhaber ihrer Tochter und den 8 aserbaidschanischen Melonenverkäufern, die hier ebenfalls Quartier bezogen haben, in Acht nehmen.

0019
Bald darauf bin ich von der Melonenmafia umzingelt. Ich komme mir vor, als hätte ich eine Kajüte in einem überfüllten Fischerboot bezogen. Immer wieder Stimmen, Handyläuten, Getrampel. Ich betrete die Küche und sehe eine brünette Frau um die 40, offensichtlich die Wohnungsbesitzerin. Sie lächelt mich an, als ob ich schon immer da gewohnt hätte. Sie spricht mit mir. Ich verstehe sie nicht. Sie spricht nochmals mit mir. Ich verstehe sie wieder nicht, sage immer nur „spasiba“ und nicke mit dem Kopf, zeige auf die Waschmaschine, weil ich meine Schmutzwäsche waschen möchte, aber sie zuckt nur mit den Achseln und verlässt den Raum.
Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück und starre auf Putin, der als Schlüsselanhänger geliftet am Kleiderschrank baumelt. Bald darauf Getrampel, eine ganze Herde russischer Elefanten oder so was Ähnliches muss sich im Nachbarzimmer niedergelassen haben.
Wände kahl, mein Notebook an die hiesige Telefonleitung angeschlossen, 2 Wodkaflaschen am Tisch und irgendwelche russischen Atommücken, die mich nachts halb um den Verstand bringen, surren im Raum umher. Wer hat mir bloß diese Viecher da geschickt, der russische Geheimdienst möchte mich offenbar zermürben, sicherlich Oberst Scharimenko, dem ich keinen blasen konnte. Im Hof macht sich eine alte Frau am Müll zu schaffen, sucht wohl irgendeinen Computerchip, der ihr Hungerproblem lösen soll. Ich würde mir am liebsten Wodka reinziehen und sonst nichts.

0020
Keine E-Mail, kein Anruf in den letzten 3 Stunden. Im Nachbarzimmer permanentes Handyläuten mit allen möglichen Melodien, ist sicher schon 5 am Morgen, wer will jetzt noch Melonen, ich bin am Ende, das geht jetzt schon die 3. Nacht so.
Plötzlich ein Läuten, am Apparat ein Herr Dimitrie: „Puschkinskaya, bei den Kommis um 8“, pfaucht er ins Telefon und legt auf.

0021
Ich verstehe kein Russisch, er kein Deutsch. Als Erkennungsmerkmal zeigt er mir seine Narben an den Pulsadern, 2-facher Selbstmordversuch, und als Draufgabe noch eine Narbe, die sich über seinen ganzen rechten Arm erstreckt. „Kaukasus.“ Ich bin beeindruckt, kann mit nichts Vergleichbarem entgegenhalten. „Macht nichts“, winkt er ab und blättert in seinem Wörterbuch.
Ich bestelle Wodka. Er trinkt nur Bier, keinen Wodka, „no vodka“, worauf er ausdrücklich hinweist.
Er ist hinter einem Affen her, hinter einem Affen, den er kürzlich verloren hat, und um diesen Affen dreht sich alles, erklärt er mir. Ich starre ihn an. „Ein Affe in St. Petersburg, ist es hier nicht zu kalt?“ „Ach was“, wiegelt er ab, „das Tier ist ganz wintertauglich.“ Er stößt auf mich an und ich auf seine aufgeschlitzten und nunmehr verheilten und vernarbten Pulsadern. „You want?“ „No I stopped“, lehne ich sein Zigarettenangebot ab. „Nicht möglich, hier in Russland.“

0022
Okay, das Geschäft läuft, das Affengeschäft. Permanenter Autolärm begleitet mich auf meinem 15-minütigen Heimweg. An der Kreuzung ein Kriegsinvalide, der auf einem Bein von einem Lada zum anderen hopst, in seinen Händen eine kleine rote Schüssel, in die von Zeit zu Zeit ein paar Rubel geworfen werden. In spätestens 2 Wochen ist er bestimmt an einer Abgasvergiftung krepiert. Wieder zurück, rasiert sich gerade ein Melonenverkäufer. Keine schlechte Idee, denke ich mir und lass mich erschöpft auf mein Bett fallen.

0023
Die Melonenverkäufer umkreisen mich. Wenn ich die Küche betrete, sprechen sie allesamt gleichzeitig mit mir, offenbar eine Art Begrüßung. Ich erwidere ein verlegenes „spasiba“, nicke aufgeregt und ziehe mich gleich wieder zurück.