Die Zone

Nur noch ein paar Meter, einen Stempel, dann habe ich es geschafft und verlasse die Zone. Kurz überkommt mich nochmals Panik, was wenn ich aus irgendeinem Grund an der Ausreise gehinderte werde? Niemand weiß, dass mein eigentliches Ziel nicht Istanbul sondern Tel Aviv ist. Selbst meinen engsten Bekannten hier, habe ich nicht gesagt, dass ich nach Israel fliege. Auf Geschäftsbeziehungen mit Israel drohen bis zu drei Jahre Gefängnis. Und auf keinen Fall möchte ich auch nur einen Tag länger in diesem Land verbringen. Die ersten Wochen überkam mich Panik bei dem Gedanken, dass ich wie die vielen tausenden Staatenlosen, oder wie eines der Haushaltsmädchen aus Äthiopien, die ihrem Sponsor auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren, das Land nicht mehr verlassen könnte, dass ich gefangen wäre zwischen staubigen Autostraßen und klimatisierten Shoppingmalls. Ich drücke der Zollbeamtin meinen Pass in die Hand, meine Fingerprints werden genommen, kurz muss ich in eine Kamera blicken, die Frau mustert mich, dann kann ich die Grenze durchschreiten. Ich atme einmal kräftig durch, selten hab ich mich in einem Land so unsicher gefühlt, obwohl es als eines der sichersten dieser Welt gilt. In wenigen Monaten soll das DNA law in Kraft treten, dann kann man das Land nur mehr betreten, wenn man seine DNA abgibt. Doch auch alle kuwaitischen Staatsbürger sollen mit neuen Reisepässen ausgestattet werden, die mit ihrer DNA verknüpft sind. Viele der Einwohner sind seither in Panik, manche verschleudern ihre Villen und ihr Hab und Gut zu einem Spottpreis und versuchen das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Sie befürchten vom Staat zur Rechenschaft gezogen zu werden, falls sich ihre Staatsbürgerschaft nicht beweisen lässt. Kinder von Beduinen sollen gegen Bezahlung an Kuwaitern, als deren Kinder ausgeben worden sein, um so auch in den Genuss der vielen Privilegien, die kuwaitischen Staatsbürgern laut Verfassung zustehen, zu kommen. Ihnen werden Villen zu günstigen Preisen zur Verfügung gestellt, garantierte Arbeitsplätze, Wasser und Strom erhalten sie nahezu umsonst, und selbst für das Benzin zahlen sie nur einen Bruchteil von dem, was ihre nicht kuwaitschen Mitbürger zahlen müssen. Nun fürchten manche, dass sie diesen Herrenstatus verlieren und zur Klasse der Besitzlosen wechseln müssen. Besitz erwerben kann in diesem Land nur der Kuwaiter, alle anderen sind Besitzlose. Sie können keinen Grund erwerben, kein Geschäft eröffnen. Noch immer hallt in mir der Ton der philippinischen Kellnerinnen im Starbucks, oder der Verkäuferinnen in den unzähligen Malls, nach. Hi Mister, Good Morning Mister. Dieses „Mister“ hat nach einiger Zeit etwas Monströses bekommen. Ich habe mich davor zu fürchten begonnen. So wie ich mich vor den monströsen Autos zu fürchten begonnen habe, die sich hier durch die Stadt zwängen. Neben 1,290.000 Kuwaitern, leben über 2,3 Millionen Ausländer in dem Land. Die meisten, an die 900.000, sind Inder, gefolgt von Ägyptern, Bangladescher und Pakistanis. Viele sind dem Ruf des Geldes gefolgt, hatten Pläne, Träume und hängen nun in der Zone fest. Absolutes Alkoholverbot, bis zu zweihundert Doller zahlt man für eine Flasche Whisky am Schwarzmarkt. Trinkt man in der Öffentlichkeit, droht einem bis zu sechs Monaten Gefängnis. Kultur scheint nicht vorhanden zu sein, bloß die Hollywood - Blockbuster werden in den großen Kinosälen der Malls gespielt.

 Arbeiten und schlafen, no fun, erzählt mir ein junger Ägypter, der in einem der unzähligen Fruchtsaftläden arbeitet, als ich mich auf der Bank vor dem Shop nieder setze. Ja, er verdiene hier mehr als zu Hause, aber Leben, nein, das ist kein Leben. Viele amerikanische Automarken, zumeist Chrysler und Hummer stehen vor dem Laden. Mehr Panzer als Autos. Ich gehöre hier auch zu der Herrenklasse, zwar nicht ganz Herr, aber die Herren haben vor den Westeuropäern und den Amerikanern Respekt. Daher bin ich auch einer von ihnen, wobei ich mich gar nicht so fühle. Vielmehr überkommt mich Panik, ich fühle mich wie ein Spion, der sofort hingerichtet wird, sollte er enttarnt werden. Jeder meiner Gedanken ausgesprochen, würde mich aufs Schafott, zumindest aber ins Gefängnis bringen wegen Gotteslästerung oder wegen Emir - Beleidigung. Als 2012 vom Kuwaitischen Parlament beschlossen wurde, Gotteslästerung unter Todesstrafe zu stellen, wurde dies  nur durch das Veto des Emir verhindert.

Im Falle des Falles könnte der Botschafter eventuell ein gutes Wort für mich einlegen, aber so sicher bin ich mir dann auch wieder nicht. Ich bin ein Staatsfeind, denk ich mir. Dann überkommt mich Panik, ich überlege, was ich meinem Freund in Israel schreiben kann. Werd ich überwacht, wahrscheinlich bin ich nicht im Überwachungsradar, zu unwichtig. Doch wenn es ein DNA law gibt, dann gibt es bestimmt auch Internetüberwachung. Gut, wahrscheinlich haben sie keinen deutschen Übersetzter. Ich kommuniziere weiter mit meinem israelischen Freund. Wobei mir trotzdem nicht ganz wohl ist. Was, wenn mir der Pass abgenommen wird, vielen der ausländischen Arbeiter ist es hier so ergangen, mittlerweile ist dies zwar verboten, doch komme es immer noch vor. Gefangen für Jahre in einer Shoppingmall, die Tag ein, Tag aus mit Berieselungsmusik bespielt wird. Letztens stand ich in einer dieser riesigen Malls, ein Nobelladen neben dem anderen, und plötzlich dröhnte aus allen Lautsprechern die Stimme des Imans, der zum Gebet aufrief. Ich dachte, ich sei in einer multifunktionalen Shoppingmall gefangen, die sich sofort in ein Gebetshaus verwandeln konnte.

 Ich setze mich auf die Sitzbank. Bald werde ich in ein Flugzeug steigen, dass mich nach Istanbul bringen wird. Istanbul ist momentan auch nicht so sicher. Doch was bedeutet schon „sicher“? Wenn die alles beherrschende Staatsmacht, als undefinierte Masse aus allen Ritzen eines Raumes dringt, beschleicht einem tatsächlich Angst, man hat Angst, dass sie den Körper befällt, dass sie alles befällt.

Mein Gedanke ist in einer feindlichen Umgebung. Solange ich mich gedanklich selbst kastriere, besteht keine Gefahr. Man darf nur nicht daran denken, dass man sein Denken selbst kastriert. Nach einiger Zeit ist es dann ganz normal, dass man gewisse Sachen nicht denkt. Man genießt das Essen, das Meer, die Shoppingmall, bestaunt die allein im Mc Donalds vor ihrem Hamburger sitzenden Scheichs, bestaunt die Ferrari fahrenden verschleiernden Frauen.

Vor einigen Tagen hatte mich ein junger Mann zu sich auf die Terrasse eines Kaffeehauses gewunken. Kaum hatte ich neben ihm Platz genommen, begann er schon

über das System hier zu schimpfen. Er erwartete wohl in mir einen Verbündeten, doch schnell habe ich mich verabschiedet, und ihm erklärt, dass er sich bestimmt täusche. Dass er im besten aller Systeme sei. Ja, dass er glücklich sein solle, er brauche nur auf die Yachten im Hafen blicken, bald würde ihm auch eine gehören, sehr wahrscheinlich sogar. Schnell bin ich weiter gegangen. Ein vernünftiger Mensch ist Gift für dieses Umfeld, habe ich mir gedacht. Schließlich muss man hier zurechtkommen. Schließlich bin ich auch ein Herr. Und bald würde mir auch ein Ferrari zustehen, wenn ich hier länger verweilen sollte. Aber in meinem Hotelzimmer kamen mir wieder Zweifel.

 

Immer am Morgen begrüßen mich die indischen Bauarbeiter, die nun seit Wochen den Gang renovieren. Morning Mister, höre ich. Manchmal erscheinen sie mir wie liebenswürdige Insekten. Ich denke oft an Europa, nie zuvor war mir Europa so nah. Doch wie lange wird dieses Europa noch existieren? Es ist eine kleine Fläche, wie eine langsam verschwindende Oase erscheint es mir aus der Ferne. 

 Die äthiopischen Frauen sitzen eingeschüchtert auf der Bank am Flughafen, junge, hübsche verängstigte Gesichter, ich frage mich, wo sie die letzten Jahre verbracht haben. Hin und wieder lese ich in der Kuwait Times von Haushaltsmädchen, die sich selbst umbringen, oder erst unlängst von einer jungen Frau, die aus Frust darüber, dass sie nicht ausreisen konnte, das Baby ihres Sponsers mit heißer Brühe verbrannte. Das Kalifen-System ermöglicht es einem Sponsor, so werden die Arbeitgeber genannt, das Hausmädchen auf Jahre zu mieten. Sollte die Frau verschwinden, was ab und zu vorkommt, wird sie gesucht und von staatlicher Stelle bestraft. Ich bin kein Sklave, ich bin ein Herr, versuche ich mir immer wieder einzureden. Ich schaue aus dem 8. Stock meines Hotels, draußen hat es 40 Grad. Die Autos schwirren auf den mehrspurigen Autostraßen unentwegt dahin. Weit hinten sehe ich die Skyline. 

Ich taste mich durch die Stadt, in den staubigen Straßen voran. Bald bin ich wieder in einer Shoppingmall. Ich fühle mich zuhause. Ich hätte nie gedacht, dass man sich in einer Shoppingmall zuhause fühlen kann, nach sechs Wochen fühle ich mich hier zuhause, ich bin froh, dass es diese Shoppingmalls gibt und ich mit den philippinischen Verkäuferinnen sprechen kann. Und wieder ein „Mister“ höre, „Mister“ fühlt sich gut an. Ich taste mich voran, wie in einem Feindesland, wohl und sicher fühle ich mich nur im Wasser, wenn ich spät abends, meist gegen Mitternacht mit den Indern im Meer plantsche.

 

Boarding Time, nochmals werde ich von einem kräftigen Kerl genau durchsucht, dann kann ich in das Flugzeug steigen.

Vier Stunden später lande ich in Istanbul. Vor den Passkontrollen stehen viele Pilger, die aus Mekka zurückgekommen sind, alte ausgemergelte Gesichter, Frauen in weißen Kopftüchern, Männer in weiten Hosen. Manche der Leiber stützen sich gegenseitig, und der Tod scheint bereits in ihren Gesichtern zu lauern. Ehrfurchtsvoll stehe ich inmitten von ihnen. Nach einem Science-Fiction-Trip war ich nun vor der Tür zum Paradies gelandet. Der Zöllner drückt mir den Stempel in den Pass.

Nach einigen weiteren Sicherheitskontrollen und einem ausführlichen Interview des israelischen Grenzschutzes sitze ich nun in Tel Aviv in einer schummrigen Spelunke, bestelle mein erstes Bier nach sechs Wochen, israelisches Bier.

Neben mir vier alte Männer, die Karten spielen. Der Wirt möchte wissen, woher ich komme. Austria, erkläre ich ihm. Er zeigt auf ein Foto an der Wand, mehrere Männer laufen in einem Sportstadion eine Rennbahn entlang. Der letzte dort sei er. München Olympiastation 1972. Er habe den Anschlag überlebt, sein bester Freund sei damals gestorben. 1972 war ich gerade im Mutterleib, kurz überkommt mich der Wunsch dorthin wieder zurückzukehren. Er erzählt mir, dass er nun selbstgemachten Brandy braue, sogar einen Preis habe er letztes Jahr gewonnen. Er stellt mir ein Glas davon auf den Tisch und wir stoßen an. Wenig später kommt seine philippinische Ehefrau und bringt Kuchen. Ich nehme noch ein Glas Brandy und ein Bier, denke an die indischen Gastarbeiter vor meiner Hoteltür in meinem Gang. Nach weiteren zwei Gläsern schwebe ich mit einem Taxi in mein Hotel, höre noch irgendwelche russischen Wortfetzen, kurz überkommt mich Panik, dass ich Kuwait nicht verlassen habe und noch immer in einer Einkaufsmall sitze, bevor ich in tiefen Schlaf falle.

Am nächsten Tag gehe ich aus dem Hotel zum Strand, die vielen bunten Sonnenschirme, die beinahe nackten Körper, verwirren mich. Mehrere kleine weiße Wolken am Himmel, so als könnte man sie mit seinen Händen runterpflücken. Do you have a cigarette, frage ich eine dunkelhaarige Frau auf einer Sitzbank. Sie schaut mich an. Can you give me a hug, meint sie dann. Ich schweige, während die Wellen beständig gegen das Ufer klatschen.